Stand: 24.10.2026. Dieser Beitrag ist Bildung, keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Alle Zahlen sind Beispielzahlen und keine Prognose.
Wie viel Geld brauchst du, damit du von deinem Vermögen leben kannst? Die 4-Prozent-Regel gibt dir dafür eine einfache Faustformel. Sie ist ein guter Startpunkt, aber kein Versprechen. Hier erfährst du, wo sie herkommt, wie du sie rechnest und wo ihre Grenzen liegen.
Was die 4-Prozent-Regel sagt
Die Regel besagt: Du entnimmst im ersten Jahr deines Ruhestands 4 % deines Vermögens. In den Folgejahren passt du diesen Betrag nur noch an die Inflation an. Dann soll das Geld nach historischen Erfahrungen für etwa 30 Jahre reichen.
Das ist kein Gesetz und keine Garantie, sondern das Ergebnis von Rückrechnungen mit alten Börsendaten.
Woher die Regel kommt
Der US-Finanzplaner William Bengen hat die Regel 1994 im Journal of Financial Planning vorgestellt. Er prüfte mit historischen US-Daten ab 1926, welche Entnahmerate in jeder 30-Jahres-Periode nicht zum vorzeitigen Aufbrauchen des Vermögens geführt hätte. Sein Portfolio bestand aus einer festen Mischung von US-Aktien und Anleihen.
1998 kam die sogenannte Trinity-Studie von Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz (Trinity University, Texas). Sie testete mit US-Marktdaten von 1926 bis 1995 mehrere Aktien-Anleihen-Mischungen und Entnahmeraten über 15 bis 30 Jahre. Bei 4 % über 30 Jahre und inflationsangepassten Entnahmen lagen die historischen Erfolgsquoten bei Portfolios mit 50 bis 100 % Aktienanteil bei 95 bis 98 %. Als „Erfolg“ galt dabei schon, dass am Ende noch ein Rest übrig war. Steuern und Kosten waren nicht berücksichtigt.
So rechnest du: Ausgaben mal 25
Die Regel lässt sich umdrehen. Wenn 4 % entnommen werden, brauchst du das 25-Fache deiner Jahresausgaben (100 geteilt durch 4).
Beispiel (reine Beispielzahlen):
- Monatliche Ausgaben: 2.000 Euro
- Jahresausgaben: 2.000 × 12 = 24.000 Euro
- Benötigtes Vermögen: 24.000 × 25 = 600.000 Euro
Wer vorsichtiger planen will, rechnet mit einer niedrigeren Rate. Bei 3 % wären es 24.000 / 0,03 = 800.000 Euro. Der Unterschied zeigt: Schon ein Prozentpunkt weniger Entnahmerate erhöht das Zielvermögen deutlich.
Was die Regel kann
- Sie gibt dir eine schnelle Orientierung, in welcher Größenordnung dein Ziel liegt.
- Sie macht FIRE greifbar: Du siehst, wie stark deine Ausgaben das Ziel bestimmen. Weniger Ausgaben senken den Bedarf doppelt, denn du brauchst weniger Einkommen und weniger Vermögen.
- Sie ist leicht zu merken und eignet sich zum Vergleichen von Szenarien.
Was die Regel nicht kann
- Sie gilt für 30 Jahre. Wer mit 40 aufhört, plant eher 50 Jahre oder mehr. Für lange Zeiträume werden häufig niedrigere Raten diskutiert, oft im Bereich von rund 3 bis 3,5 %. Eine feste, allgemein anerkannte Zahl gibt es nicht.
- Sie basiert auf US-Daten. Die USA waren im 20. Jahrhundert ein außergewöhnlich starker Aktienmarkt. Internationale Vergleiche (u. a. von Wade Pfau) kamen für andere Länder zu vorsichtigeren Ergebnissen. Ob die Zukunft so freundlich verläuft, weiß niemand.
- Steuern und Kosten fehlen. Die Originalstudien rechnen ohne Steuern und Fondskosten. In Deutschland gilt auf Kapitalerträge die Abgeltungsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag, zusammen 26,375 % (ohne Kirchensteuer). Bei Aktienfonds sind 30 % der Erträge teilfreigestellt, und der Sparer-Pauschbetrag liegt bei 1.000 Euro pro Person (2.000 Euro bei zusammen veranlagten Ehegatten), mehr dazu im Beitrag zum Sparerpauschbetrag. Dazu kommen die laufenden Fondskosten (TER) und eine eigene Kranken- und Pflegeversicherung.
- Sie ignoriert die Reihenfolge der Renditen. Fällt der Markt gleich in den ersten Jahren stark, während du schon entnimmst, wird das Depot früh angegriffen und kann sich schlechter erholen. Dieses Sequenzrisiko trifft Einsteiger in die Entnahmephase besonders. Dieselben Durchschnittsrenditen können je nach Reihenfolge zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen.
- Sie ist starr. Die Regel unterstellt, dass du jedes Jahr denselben inflationsangepassten Betrag entnimmst, egal was der Markt macht. In der Praxis passen viele Menschen ihre Ausgaben an, etwa nach schwachen Börsenjahren. Solche flexiblen Strategien können höhere Anfangsraten tragen, sind aber komplexer.
Vereinfachtes Steuerbeispiel (Beispielzahlen): Du verkaufst Anteile für 24.000 Euro. Davon seien 12.000 Euro Gewinn. Nach 30 % Teilfreistellung bleiben 8.400 Euro. Abzüglich 1.000 Euro Sparer-Pauschbetrag sind 7.400 Euro steuerpflichtig. Bei 26,375 % sind das rund 1.952 Euro Steuer. Das sind rund 8 % deiner Entnahme, die die Faustformel nicht kennt. Die Vorabpauschale (so rechnest du sie) kommt noch dazu.
Neuere Einschätzungen
Die Forschung bleibt nicht stehen. Je nach Datenbasis und Portfolio kommen neuere Arbeiten auf Raten zwischen gut 4 % und etwa 4,7 %. Bengen selbst nennt in seinem Buch von 2025 nach eigener Rechnung etwa 4,7 % als historisches Minimum für 30 Jahre. Zugleich weisen Kritiker auf niedrigere Raten für andere Länder und sehr lange Zeiträume hin. Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt keine eine sichere Zahl.
Was du daraus mitnehmen kannst
- Nutze die 4-Prozent-Regel als Rechenhilfe für ein erstes Zielbild, nicht als Plan.
- Rechne mit mehreren Raten (z. B. 3 %, 3,5 %, 4 %) und schau, wie sich dein Ziel verändert.
- Plane Steuern, Kosten und Krankenversicherung gesondert ein.
- Überlege, wie flexibel du deine Ausgaben in schwachen Börsenjahren anpassen könntest.
- Je früher du anfängst, desto mehr Zeit arbeitet für dich: Warum früher Vermögensaufbau große Vorteile hat. Und für die Zeit der gesetzlichen Rente lohnt ein Blick auf Die Rente ist sicher, aber wie viel eigentlich?.
Häufige Fragen
Gilt die 4-Prozent-Regel auch für Deutschland?
Sie wurde mit US-Daten entwickelt. Als grobe Orientierung wird sie auch in Deutschland genutzt, aber Steuern, Kosten und Länderunterschiede sind nicht eingerechnet. Viele Rechner und Ratgeber empfehlen deshalb vorsichtigere Raten.
Was bedeutet „Ausgaben mal 25“?
Das ist dieselbe Regel, nur umgedreht: Bei 4 % Entnahme brauchst du das 25-Fache deiner Jahresausgaben als Vermögen. Bei 24.000 Euro Jahresausgaben sind das 600.000 Euro.
Reicht die 4-Prozent-Regel für 50 Jahre Ruhestand?
Dafür wurde sie nicht gemacht. Sie bezieht sich auf etwa 30 Jahre. Für längere Zeiträume werden häufig niedrigere Raten diskutiert, eine verbindliche Zahl gibt es nicht.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Alle Zahlen sind Beispiele und keine Prognose oder Renditeversprechen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die Zukunft. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 24.10.2026.
Quellen (Stand 24.10.2026)
- Cooley, Hubbard, Walz (1998): Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable (Trinity-Studie), AAII Journal (Primärquelle)
- § 20 Abs. 9 EStG (Sparer-Pauschbetrag), § 32d EStG (25 %), § 4 SolzG (5,5 %), § 20 InvStG (Teilfreistellung) (Primärquellen)
- CNBC (03.09.2025): Interview mit William Bengen zu „A Richer Retirement“ (Sekundärquelle)
- Duquette (2023): Revisiting William Bengen’s SAFEMAX, Journal of Financial Planning
- extraETF: Die 4-Prozent-Regel (Sekundärquelle, aktualisiert 19.08.2026)
- etf.capital: Trinity-Regel (Sekundärquelle, Stand Juli 2026)
